Tour 2017 – Zusammenfassung

Im KJ 2017 ging es dann weiter von Danzig über Marienburg, Malbork, Elblag und Frombork (Frauenburg) durch die russische Enklave mit der Stadt Kaliningrad über Klaipeda nach Liepaja. (Von hier dann mit der Fähre nach Travemünde.) Diese Geschichte erzählt unser neuer Mitfahrer Hubert Kröger aus Bakum, der sich hierzu allabendlich handschriftliche Notizen anfertigte.

Einzigartige Naturlandschaften in einer großen Vielfalt und immer wieder Erinnerungen an die wechselvolle und leidvolle Vergangenheit des vorigen Jahrhundert (Hubert Kröger)

15.06. Generalstabsmäßig vorbereitet wurde die Tour des vergangenen Jahres 2017 durch die Länder Polen, Russland, Litauen und Lettland von den Teilnehmern Günter Stuntebeck, Bernd Stromann, Peter Möllmann und als Neuling Hubert Kröger. Dass aber bereits gleich zu Beginn dieser nicht alltäglichen Reise der Bahnhof Diepholz zur Endstation der Tour hätte werden können, dieser Gedanke war nicht in den Planungen berücksichtigt. Zu sehr sind Günter Stuntebeck und Bernd Stromann damit beschäftigt, sich auf dem Bahnsteig von ihren Liebsten zu verabschieden und versäumen somit die Abfahrt des Zuges.

BHF Osnabrück Hinfahrt Danzig

Jedoch können Peter Möllmann und Hubert Kröger die Zurückgebliebenen im Osnabrücker Bahnhof wieder in Empfang nehmen. Dank an Elisabeth Stuntebeck! Sie sorgte für den nicht eingeplanten Autotransfer von Diepholz bis Osnabrück.

Nach einem kurzen Umstieg in Berlin sind wir abends gegen 20 Uhr im Hotel in Danzig. Überrascht sind wir von der Lebendigkeit dieser Stadt an einem schönen Sommerabend. Im Schatten des bekannten Krantores beenden wir den Tag 1 unserer Reise. Auch Danzig präsentierte sich in einer Schönheit, wie ich sie schon häufig in vielen polnischen Städten auf verschiedenen Reisen erlebt habe.

Danzig bei Nacht

16.06. Der Regen in Danzig am nächsten Morgen sorgt nicht für eine besondere Motivation zum Start der Tour mit dem Fahrrad. Allerdings soll der Regen bis zum Mittag auch der letzte während unserer gesamten Tour bleiben. Die Landschaft ist flach und entspannt fahren wir auf Straßen mit typischen langen Eichenalleen vorbei an riesigen Getreidefeldern. Früh erreichen wir die Stadt Marienburg (Malbrok) an der Nogat und sind überrascht von der Größe der weltbekannten Marienburg. Vom gegenüberliegenden Hotel haben wir einen wunderschönen Blick auf diese mittelalterliche Burg. Leider können wir diese beeindruckende Burg nicht von innen besichtigen, da alle Mitarbeiter sich bereits in den Feierabend verabschiedet hatten. Der Fußweg um die Burg verdeutlicht aber, welcher Aufwand beim Bau dieser Anlage im Mittelalter betrieben wurde. Ebenfalls lag die Burg zum Kriegsende 1945 in Schutt und Asche.

17.06. Nach dieser flachen Landschaft folgt heute immer mehr eine hügelige Strecke. Abseits des Autoverkehrs befahren wir einsame Straßen, teilweise Sandwege durch entlegene Dörfer abseits der Zivilisation. Im Bereich des Oberländer Kanals erreichen wir abends Elblag (Elbingen) und übernachten in einer alten Wassermühle, die zu einem Hotel sehr stilvoll umgebaut wurde. Die Altstadt mit dem St. Nikolai-Dom erkunden wir wieder zu Fuß und genießen den Feierabend in einem sehr gemütlichen Restaurant.

18.06. Bei sommerlichen Temperaturen verlassen wir am Sonntagmorgen Elbingen Richtung Ostsee. Während einer Pause treffen wir eine Rennradgruppe aus Norwegen. Wie uns ein Biker während dieser Pause erzählt, befindet er sich bereits seit Mitte Mai auf der Strecke von Frankreich bis St. Petersburg. Immer wieder berühren wir die einsamen Strände der Ostsee und kommen dem Tagesziel Braniewo (Braunsberg) über Frauenburg (Frombork) immer näher. Braniewo ist die letzte Stadt in Polen während unserer Reise und liegt nur 8 km von der polnisch – russischen Grenze entfernt.

19.06. Wie oft haben wir uns  während der Vorbereitung der Tour über den Ablauf der Grenzüberschreitung von Polen nach Russland informiert. Auf alle Möglichkeiten sind wir bei der Ankunft der Grenze vorbereitet. Eigentlich sind wir während des Überquerens von Polen nach Russland ein wenig enttäuscht. Alles funktioniert reibungslos. Sämtliche Bedenken und Sorgen sind völlig unbegründet. Nach gut 30 Minuten betreten wir erstmals russisches Gebiet auf unserer langen Reise quer durch Europa. Alexander Reich, ein ehemaliger russischer Oberstleutnant einer Panzerdivision in der ehemaligen DDR, erwartet uns bereits nach etwa 1000 Meter hinter der Grenze und begrüßt uns herzlich in Russland.

Besuch des Tangemann-Hofes in Mamonowo

Ermöglicht hat uns dieses Treffen Heinrich Tangemann, der kurz vor Königsberg riesige Ackerflächen bewirtschaftet.

Hof Tangemann

Eigentlich will Alexander Reich uns die Geschichte von Heiligenbeil im dortigen Heimatmuseum vorstellen. Leider können wir das Museum nicht besichtigen, da die russischen Behörden an diesem Morgen wie so oft den Strom für einige Stunden abgeschaltet haben. Heiligenbeil (Mamonowo) erlebte am Ende des letzten Krieges eines der größten Kämpfe zwischen russischen und deutschen Truppen in Ostpreußen.

Je mehr wir uns Königsberg nähern, desto umfangreicher wird der Autoverkehr. Ostpreußen war in früheren Jahren als die Kornkammer Deutschlands bekannt. Wir sehen allerdings keine Kornfelder, sondern unendliche Flächen von Brachland. Das ändert sich als wir den Bereich des Hofes Tangemann erreichen. Heinrich Tangemann aus Goldenstedt bewirtschaftet ca. 20 km vor Königsberg einen landwirtschaftlichen Betrieb in einer Größe von 2.500 ha. Links und rechts der Straße blühende Getreide und Maisfelder. Freundlich empfängt uns der Betriebsleiter Fabian mit seinem holländischen Mitarbeiter Hendrik und stellt uns den Betrieb mit all seinen Schwierigkeiten vor.

Nach ca. 2 Stunden der Weiterfahrt erreichen wir das Stadtgebiet von Königsberg. Sehr schnell merken wir, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel völlig unbekannt ist. Mühsam meistern wir den enormen Straßenverkehr und können das Hotel dank unserer Navigationsgeräte schnell finden. Mehrere Stunden beschäftigen wir uns allerdings auch mit dem Verlust der kompletten Wertsachen von Peter, die sich erstmals vor Königsberg nicht mehr in seinem Gepäck befinden. Auch ist Peter nicht mehr im Besitz seiner wichtigen Visumunterlagen. Nach dem Fehlstart in Diepholz sorgt dieser Verlust für eine weitere Unruhe in der Gruppe. Doch dank der Unterstützung von Heinrich Tangemann und des Spürsinns von Hubert Kröger ist Peter kurz vor Mitternacht wieder im Besitz seiner Unterlagen. Die Tour kann somit am nächsten Morgen planmäßig fortgesetzt werden.

20.06. Überrascht sind wir zunächst beim Verlassen von Königsberg von einem Stadtteil mit edlen alten Wohnhäusern, vergleichbar mit den Häusern an der Alster in Hamburg. Doch schnell verlassen wir diese vornehme Wohngegend und kämpfen uns durch den Berufsverkehr dieser bis vor einigen Jahren für Deutsche gesperrten Großstadt. Überall sehen wir große Plätze mit modernen Einkaufszentren und unendlich viele junge Menschen. Auch viele alte Gebäude wie Kirchen, Theater oder Museen sind wieder restauriert und strahlen im neuen Glanz.

Problemlos verlassen wir Königsberg und durchfahren Gegenden, die wir in dieser Form noch nie gesehen haben. Herabgekommene Häuser, finstere Dörfer mit überwiegend älteren Menschen und nicht bewirtschaftete Flächen über fast 50 km begleiten uns in den nächsten Stunden. Die Straßen befinden sich dennoch in einem guten Zustand. Da wir uns für eine Nebenstrecke Richtung Ostsee entschieden haben, fahren glücklicherweise auch wenige Autos im russischen Teil von Ostpreußen. In einem kleinen Dorf abseits jeglicher Zivilisation legen wir eine kleine Pause ein und beobachten das Geschehen in der Dorfmitte. Auf alten Tapeziertischen mitten im Sand werden Textilien und viele weitere Artikel, die wir vielleicht vom Flohmarkt kennen, verkauft. Allerdings haben wir nicht den Eindruck, dass die Bevölkerung hungert. Lebensmittel sind genügend vorhanden. Das russische Militär ist in dieser Region ebenfalls stark vertreten.

Für Abwechselung sorgen häufig die nicht vom Tourismus erschlossenen Strände der Ostsee. Als wir dann das Tagesziel Rauschen (Swetlogorsk) erreichen, staunen wir wieder. Noch vor einigen Kilometern bitterste Armut und jetzt hier in Rauschen ein vornehmer Badeort mit vielen Villen und großen Hotels. Tausende von Russen verbringen hier ihren Urlaub. Große Autos fahren auf den Straßen oder stehen vor den Hotels und Pensionen. Somit finden wir hier schnell ein geeignetes Restaurant für den Abend und genießen in Rauschen das Rauschen der Ostsee und die warmen Sonnenstrahlen des Abends. Auffallend für uns ist erstmals die Unfreundlichkeit der russischen Mitarbeiter in unserem Hotel.

21.06. Heute werden wir Russland wieder verlassen und als Ziel ist Nida in Litauen vorgesehen. Die Straßen werden von Kilometer zu Kilometer besser und größer, der Autoverkehr bewegt sich fast auf null und ein stärkerer Rückenwind sorgt für ein Höchsttempo während unserer bisherigen Tour. Schnell sind wir in einem weiteren Badeort an der Ostsee angekommen. Dieser Ort Cranz (Selenogradsk) liegt unmittelbar vor der Kurischen Nehrung auf russischer Seite. In Cranz versorgen wir uns mit Proviant und Getränken, um auf der einsamen Strecke der Kurischen Nehrung nicht zu verhungern oder zu verdursten. Ein angenehmer Rückenwind begleitet uns in den nächsten Stunden. Links und rechts Wälder und das Meeresrauschen der Ostsee von Westen und auf östlicher Seite das Haff mit dem Süßwasser. Ab und zu verlassen wir die Straße und radeln an die Ostsee oder an das Haff. Überall des Weges blühen violette Lupinen. Uns beeindruckt auch der Wechsel von Licht und Schatten auf der Straße. Kiefern vermitteln den Eindruck eines tanzenden Waldes.

Die tanzenden Bäume

Das Finden der weltberühmten Vogelwarte in Rossitten bereitet uns einige Schwierigkeiten. Mit dem Tagesziel Nida verlassen wir wieder Russland und sind abends zu Gast in Litauen. Die EU und der Euro haben uns wieder. Entsetzt sind wir über das gebuchte Hotel. Eigentlich sollte dieses Hotel zum Abbruch freigegeben werden. Dennoch entscheiden wir uns für eine Übernachtung. In Nida empfangen uns jedoch freundliche Menschen. Ein sehr schöner Ort ebenfalls mit vielen Touristen. Über das Hotel ärgern wir uns nicht mehr und sind froh, dass möglichst schnell die Sonne wieder am nächsten Morgen im Osten aufgeht.

22.06. Tatsächlich haben wir die Nacht ohne nennenswerte Schäden überstanden und sind ausgeruht für die nächste Etappe bis Klaipėda (Deutsch Memel). Diese Etappe sollte sich als schönste Strecke während der gesamten Tour erweisen. Da heute nur 50 km geplant sind, nehmen wir uns viel Zeit in Nida und genießen den schönen Sommermorgen. Wir sehen die großen Dünen am Haff und besuchen den Sommersitz von Thomas Mann. Dieses in traumhafter Lage gelegene Haus wird heute als Museum genutzt. Ausführlich wird hier das Leben von Thomas Mann mit seiner Familie vorgestellt. Der Weg führt uns anschließend weiter über wunderbare Wege bis Klaipėda. Wir 4 Biker sind schon viele Radwege in der Vergangenheit gefahren und sind uns einig, dass diese Strecke sicherlich zu den schönsten Routen zählt, die wir jemals bewältigt haben. Wir können die Seele baumeln lassen. Immer wieder blicken wir durch Wälder auf die Ostsee. Große Sanddünen befinden sich auf der anderen Seite der Kurischen Nehrung. Überall bieten sich Gelegenheiten für entspannte Pausen. Dennoch sind wenige Radfahrer unterwegs. Wir befinden uns in einem Radlerparadies. Am Ende dieser Tour verlassen wir das Waldgebiet und sind schon im Hafen von Klaipėda. Wir nutzen für einige Minuten die Fähre und verlassen die Halbinsel Kurische Nehrung und somit einen Naturraum, der uns unvergessen bleiben wird. Abends begegnet uns auf dem Marktplatz das bekannte Ännchen von Tharau. Im Hotel treffen wir Touristen aus dem Oldenburger Münsterland.

Wir treffen eine Reisegruppe aus Südoldenburg, unglaublich, Ankunft Hotel abends

Mit einer Vielzahl von tollen Eindrücken beenden wir den Tag im Hotel und freuen uns auf die Weiterfahrt zur letzten Etappe am nächsten Tag bis Liepāja.

23.06. Auch wenn wir heute bis Liepāja noch 110 km fahren müssen, ist die Stimmung in der Gruppe vorzüglich. Gleich am Stadtausgang von Klaipėda besuchen wir einen deutschen Soldatenfriedhof.

Deutscher Soldatenfriedhof

Schweigend und auch betroffen sehen wir unzählige Kreuze von Soldaten; viele im Alter von 18 bis 25 Jahren. Der Radweg von Klaipėda bis Palanga ist in seiner Qualität eine Fortsetzung vom gestrigen Tag. Einfach nur schön! Nach einigen Kilometern sind wir in Nimmersatt (Nemirseta). Bekannt ist der Satz „Nimmersatt wo das Deutsche Reich sein Ende hat“. Diese Stadt war bis 1920 und zwischen 1939 und 1945 der nördlichste Ort Deutschlands. Hier war der Grenzübergang von Deutschland nach Russland. Weitere kleinere Dörfer entlang der Ostsee sorgen immer wieder für Abwechslung. Palanga ist der bekannteste Ort dieser Region. Eine große Hängebrücke bringt das Gleichgewicht ein wenig durcheinander. Mit dem Erreichen der Grenze von Litauen zu Lettland sind die guten Radwege Geschichte. Die weiteren 60 km bis Liepāja fahren wir auf einer breiten Autostraße. Glücklicherweise sind nicht viele Autos unterwegs. Jedoch sorgen die langen geraden Strecken nicht für viel Freude. Freude bereiten uns jedoch die vielen jungen Frauen  in Trachten und mit Blumen dekoriert. Da am heutigen Abend in Lettland die Mittsommernacht als Vorabend des Namenstages von Johannes gefeiert wird, sind junge Frauen in den Dörfern dabei, sich mit Blumen zu schmücken. Am frühen Abend erreichen wir das Gesamtziel der mehrtägigen Reise Liepāja. Am Ortseingang von Liepāja beglückwünschen wir uns zu dieser Jahrestour und sind dankbar, dass die gesamte Tour ohne jeglichen Schaden an Gesundheit und Geist zu Ende geht.

24.06. Heute haben wir viel Zeit (vielleicht auch zu viel Zeit) für Liepāja.

Unser Ziel 2017: Liepāja

Eigentlich sind wir froh, dass wir am Abend die Fähre Richtung Travemünde betreten können. Nach einer fast 30stündigen Schiffsreise mit der Fähre Stena Line betreten wir am 26.06. wieder Deutschland und fahren mit dem Zug von Travemünde über Hamburg, Bremen bis Vechta. Freudig werden wir von unseren Familienangehörigen wieder in Empfang genommen.

Die Tour mit den Beteiligten Hubert Kröger, Bernd Stromann, Günter Stuntebeck und Peter Möllmann war geprägt von einem großen Verständnis untereinander. Alle freuen sich, dass im Juni 2018 dann der Rest der Europatour in Angriff genommen werden kann.

Der Gesamtverlauf der von uns gefahrenen Strecke betrug 595 km.

Ausblick

Im nun laufenden Jahr KJ 2018 wollen wir nach Möglichkeit tagtäglich den dafür eigens angelegten Online-Blog von unterwegs füllen. Am 8. Juni 2018 geht es los und unserem letztendlichen Ziel St. Petersburg kommen wir immer näher. Die Strecke ist im Verlauf mit insgesamt 943 km geplant.

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